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Das neue Baukunstarchiv NRW – Sturm auf ein geliebtes und gerettetes Haus

5. November 2018

Dortmund. 1600 Klicks. Der Türsteher mit Handzähler war am Ende des Tages ebenso geschafft wie die Gastgeber. Das neue Baukunstarchiv NRW am Ostwall wurde am Eröffnungstag geradezu gestürmt. So viele Besucher an einem Tag hatte das Haus wohl noch nie gesehen. Damit ist das erste Kapitel einer Erfolgsgeschichte geschrieben.

©Barbara Schlei
©Barbara Schlei

Die beginnt mit dem Engagement von Dortmundern. Nur das Wir, eine Gemeinschaftsleistung von vielen Beteiligten und vor allem entschlossenen und auch kämpferischen Bürgern hat das Denkmal als Kulturort gerettet und lässt es wieder strahlen. Auch der Bund Deutscher Architekten stand von Anfang an in den Reihen der Retter. Und endlich gibt es im Land einen Ort der Baukultur, der mit einem überregional bedeutsamen Archiv und neuer Bibliothek wichtige Forschungsstelle und lebendiger Ort der Kommunikation über Architektur, Bauwesen und Stadtplanung sein will. Allein 11 Ausstellungen füllen bereits das Jahresprogramm 2019.

In der Konche im Rundgang wird die wechselvolle Geschichte des Hauses erzählt.

Kaum ein Dortmunder Gebäude in der City erzählt eine so wechselvolle Geschichte wie das Haus Ostwall 7: Vor 143 Jahren als Landesoberbergamt gebaut, dann Museum, im Krieg zerstört, auferstanden aus Ruinen und mehr als 50 Jahre lang eine der ersten Adressen für moderne Kunst in Westfalen. Es folgten der (politische) Kampf gegen den Abriss und ein langer, auch schwieriger „Zwischenraum“. Jetzt also die nächste Verwandlung und eine große Vorfreude.

Für Nordrhein-Westfalen, größtes und bauintensivstes Bundesland, erhält die Stadt Dortmund das Baukunstarchiv NRW. „Überfällig“ sei das gewesen, betont Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer, die immer wieder von Erben angesprochen wurde. Wohin mit den Werken von Baumeistern? Das Haus zeige nicht nur wieder sein großes Potenzial, sondern leiste auch einen Beitrag zur lokalen Identität.

Vor- und Nachlässe der Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur, des Städtebaus und des Bauingenieurwesens werden künftig in Dortmund verwahrt und wissenschaftlich bearbeitet. Studien vor Ort, öffentliche Veranstaltungen, Fach-Tagungen und Ausstellungen sind geplant. Eine gemeinnützige Gesellschaft, bestehend aus der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, der Stiftung Deutscher Architekten, der Ingenieurkammer- Bau NRW und dem Förderverein Baukunstarchiv übernimmt den Betrieb. Jeder Gesellschafter bringt Personal und nach wie vor Ideen ein, die Stadt Dortmund stellt das „grandiose Gebäude, die Baukultur hätte keinen besseren Ort finden können“, sagt Oberbürgermeister Ullrich Sierau nicht ohne Stolz auf die so vielbeschworene „westfälische Schwarm-Intelligenz“.

Prof. Dr. Wolfgang Sonne räumt schon mal ein Buch ein: 8000 haben in der neuen öffentlichen Bibliothek Platz.

Das Baukunstarchiv NRW fängt natürlich nicht bei Null an: Seit 1995 pflegt die Technische Universität  Dortmund das Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW. Gesammelt wurden bereits mehr als 80 Vor- und Nachlässe, darunter so bekannte wie die des Architekten Harald Deilmann oder des Bauingenieurs Stefan Polónyi. Auch das gestalterische Erbe des Architekten Josef Paul Kleihues, einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Bundesrepublik, wanderte nicht nach Berlin, sondern kam nach Dortmund. Die TU als Kooperationspartner übernimmt die wissenschaftliche Leitung, in persona vor Ort Regina Wittmann.

Die BDA-Architekten Oskar Spital-Frenking (l.) und Michael Schwarz, anerkannte Experten für historische Bausubstanz, haben das Denkmal ertüchtigt: sehr behutsam und mit Blick für originale schöne Details.

Knapp zwei Jahre dauerten Planung und behutsame Ertüchtigung mit Blick auf historische Details (Architekten Spital-Frenking + Schwarz), BDA-Architekt Marcus Patrias kümmerte sich als Projektsteuerer für die Stadt um statische Lösungen für die Archivnutzung und einen gesicherten Veranstaltungsbetrieb. Mit veranschlagten 3,5 Millionen Invest schaffte das Kollektiv eine Punktlandung, betont Geschäftsführer Markus Lehrmann. Viele Spender halfen bei der Einrichtung, stifteten Küchen, Fliesen oder auch Türklinken, richteten die Architekten-Lounge oder eine öffentliche Co-Working-Area ein.

Ab sofort ist das Haus mit seinen 3000 Quadratmetern Nutzfläche für Besucher offen. Die erste Ausstellung präsentiert bis Februar nächsten Jahres die bestehende Sammlung: 80 Objekte – jeweils ein Werk aus einem Bestand haben Studierende der TU ausgesucht. Da wird die oft verschmähte „Flachware“ plötzlich plastisch. Ausstellungsmacher Christos Stremmenos hat die Ausstellungs-Architektur erdacht. Plexiglaskästen auf schlicht-schönen weißen und grauen Podesten setzen die Exponate wirkungsvoll in Szene: seien es kunstvolle Tusche-Zeichnungen von Kapitellen, Original-Entwürfe von Yves Klein und Werner Ruhnau für das Musiktheater im Revier, eine spacige Tankstelle aus den 1930-er Jahren für Shell, Tapetenentwürfe oder das mannshohe Modell des Reinolditurms als Großfoto. Im Gartenzimmer haben Modelle ihren großen Auftritt oder auch die Sitzschale fürs Düsseldorfer Rheinstadion. Besucher sollten viel Zeit mitbringen, das Haus, seine Geschichte und seine Schätze neu zu entdecken.

Oder einfach immer wiederkommen.

Eins Zwei Drei…Baukunstarchiv, Ausgesuchte Werke aus der Sammlung: 5. November 2018 bis 10. Februar 2019, Di, Mi, Fr, Sa, So jeweils 14-17 Uhr, Do 14-20 Uhr. Ausstellungseröffnung am Sonntag, 4. November um 14 Uhr. Führungen und Sonderöffnungen auf Anfrage, www.baukunstarchiv.nrw

Text/Fotos: Simone Melenk

Auch der BDA unterhält im Baukunstarchiv zusammen mit dem Werkbund NRW in der ehemaligen Hausmeisterwohnung ein so genanntes An-Archiv. Auf dem Bild im kleinen Büro: (v.l) Besucherin Paula Schenk, BDA-Vorstand Marcus Patrias, Besucherin Steffi Schreiner, BDA-Mitglied Michael Beisemann, BDA-NRW-Geschäftsführerin Dr. Uta Joeressen und Simone Melenk (BDA-Geschäftsstelle Dortmund Hamm Unna).
Das ehemalige Ostwall-Museum, das Denkmal Ostwall 7,  ist jetzt das neue Baukunstarchiv NRW. Foto: Matthias Graben / FUNKE Foto Services

Ostwall 7 bleibt

Die meisten verorten das ehemalige Museum am Ostwall in den 1950er-Jahren. Das ist fast richtig. Tatsächlich sind nur die Kirchen in der Dortmunder Innenstadt älter als dieses bemerkenswerte Haus am Wall. Seine wechselvolle Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1875, als hier das Preußische Oberbergamt stand (Gustav Knoblauch).

1911 folgte der Umbau zum städtischen Museum für Kunst und Kunstgewerbe (Friedrich Kullrich). Aus dieser Zeit stammt auch der zentrale, zweigeschossige Lichthof. Er überstand als fast einziger Raum die Bomben im Zweiten Weltkrieg. Der Rest des Gebäudes lag in Schutt und Asche. Dortmunder Bürger bauten „ihr Museum“ schließlich wieder auf.

1956 erhielt das Haus Ostwall 7 seine heutige Gestalt (Stadtplanungsamt Dortmund und Museumsdirektorin Leonie Reygers) und wurde eine der ersten Adressen für zeitgenössische Kunst im Ruhrgebiet, bis das Museum Ostwall (MO) ins Dortmunder U zog (2010).

2018 Wiedereröffnung des denkmalwürdigen Hauses als Baukunstarchiv NRW. Nicht zuletzt auch ein Ergebnis der Bauforschung. Denn die Geschichte des Hauses war so umfassend nicht bekannt. Die Wissenschaftlerin Sonja Hnilica vom Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Architektur an der TU Dortmund hatte in der heißen politischen Debatte wissenschaftlich gearbeitet, schließlich reichlich Material zusammengetragen, um die Historie des Hauses zu rekonstruieren. „Das alte Museum am Ostwall“ – Das Haus und seine Geschichte heißt ihr lesenswertes wie spannendes Buch, dass der neue Nutzer des Hauses, das Baukunstarchiv, nun in einer zweiten Auflage herausgegeben hat. Das nennt man dann wohl ein „Happy End“.

 

 

© Barbara Schlei
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Schon zur Eröffnung am Vormittag wurde es eng selbst auf den Rängen. Am Nachmittag wurde sogar der Sauerstoff knapp, so voll war es.
©Barbara Schlei
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Testeten auch mal die schicke Architekten-Lounge: Michael Schwarz (l.) und Oskar Spital-Frenking. Foto: Schlei
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In der Treppe zum Lichthof sind alle historischen Daten des Hauses verewigt. Foto: Schlei
Kolorierte Perspektivzeichnung von Rudolf Brüning: eine spacige Tankstelle aus dem Jahr 1928, erdacht für Shell.
Ausstellungsstücke und Archivalien: Deckchair der Rhein-Schifffahrt (r. unten), Bankett-Stühle der Rheingold-Halle in Mainz (oben) oder die modernen Sitze am Köln-Bonner Flughafen.
Wiederentdeckt und freigelegt: Prof. Wolfgang Sonne zeigt auf die so genannte preußische Kappendecke.
Regina Wittmann (2.v.r.) leitet das Archiv.
Maßanfertigung: Modellbauer Felix Florian (l.) und Ausstellungsmacher Christos Stremmenos hieven ein Modell in seinen passenden Ausschnitt.
Letzte Arbeiten vor der Eröffnung: Der Fensterputzer muss noch einmal ran.
Stolz auf die Gemeinschaftsleistung: (v.l.) Prof. Sonne, Prof. Welzer, Ernst Uhing, OB Ullrich Sierau, Klaus Fehlemann und Markus Lehrmann.
Die Halle, der schöne Lichthof bleibt der zentrale Ort und die Attraktion des Hauses.
Im kleinen Gartenzimmer sind Modelle ausgestellt.
Der Jugendchor der Chorakademie Dortmund sang zur Eröffnung.
Im großen Gartensaal im Erdgeschoss wurde die Eröffnung im Lichthof auf Großleinwand übertragen.
Archivmaterial satt: Rund zwei Jahre wird es dauern, bis die Technische Universität ihr komplettes Material am Ostwall hat.
Die große bunte Danke-Wand: Hier finden sich alle Sponsoren und Stifter wieder - auch der BDA.
Original von Yves Klein und Architekt Werner Ruhnau: Zeichnung vom Musiktheater im Revier (MiR).
Als es gegenüber des Dortmunder Hauptbahnhofs noch Fontäne und Flaniermeile gab...Eine Postkarte aus den 1950er-Jahren.
© Barbara Schlei
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Fußboden-Geschichten: die Kiesel sind der Original-Fußboden aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Schlei
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In den 1920er-Jahren lief der Besucher über Fliesen von Villeroy & Boch. Foto: Schlei
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Der Schick der 1950er-Jahre: Solnhofer Platten heute noch zeitlos schön. Foto: Schlei